Opening Academia – Eritrea – academic experience Worldwide e.V.

Opening Academia – Eritrea

Das Thema der Gefährdung von Wissenschaftler*innen ist nicht neu. Die Diskussion erstreckt sich von der Antike bis zum heutigen Tag. Noch immer sehen sich Wissenschaftler*innen ins Exil gezwungen, da ihre Forschung in ihren Heimatländern keinen Raum findet. Am 13. Dezember 2016 fand daher der zweite Vortrag der Reihe „Opening Academia“ in der Stadtbücherei Frankfurt am Main statt.

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea © Parwiz Rahimi

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea © Parwiz Rahimi

Mit „Opening Academia“ soll geflüchteten Akademiker*innen ein Raum zur Präsentation ihrer Forschung wiedergegeben und die Möglichkeit eröffnet werden, ihren Blick auf akademische Lehre zu  vermitteln. So berichtete Dr. Aklilu Ghirmai in dem schönen Foyer der Stadtbücherei über historische und gegenwärtige politische Transformationen in Eritrea sowie die Bedeutung unterschiedlicher politischer Akteure wie etwa zivilgesellschaftliche und oppositionelle Gruppen. Diese ordnete er darüber hinaus in den Demokratisierungs- und  Staatbildungsprozess Eritreas ein.

Ein vielfältiges Publikum von knapp 100 Menschen mit diversen Hintergründen folgte den Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit. Viele Studierende, aber auch Wirtschafts- und Politikvertreter*innen kamen zusammen – einige Zuhörer*innen waren sich bereits vom vorher gehenden Vortrag bekannt. Es herrschte eine gespannte, aber positive Atmosphäre voller Interesse an dem Vortragsthema und dem Konzept der „Opening Academia“-Reihe.

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea © Parwiz Rahimi

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea © Parwiz Rahimi

Zum Einstieg berichtete Dr. Ghirmai über seine Erfahrungen als Politikwissenschaftler aus Eritrea und zeigte auf, wie herausfordernd es sein kann, als Eritreer über eritreische Politik zu forschen und zudem öffentlich über die Ergebnisse dieser Forschung zu referieren. Denn Forschungs- und Lehrinhalte, so Ghirmai, würden in Eritrea streng vom Militär kontrolliert, sodass in der Folge nur unter staatlicher Überwachung geforscht und gelehrt werden dürfe. Selbst im Ausland sei es riskant über Eritrea zu sprechen, da man nie wisse, ob man in der Nähe von Regierungsanhänger*innen sei, welche dem Regime über die wissenschaftlichen Aktivitäten berichteten. Das Publikum war von Dr. Ghirmais Ausführungen sofort in den Bann gezogen.

Eritrea ist ein kleines Land mit einer vergleichsweise geringen Einwohnerzahl von etwa sechs Millionen Menschen, die jedoch neun unterschiedlichen Ethnien und Sprachgruppen angehören. Bei der Religionszugehörigkeit teilt sich die Bevölkerung zu etwa gleichen Teilen in Christen und Muslime. Diese ethnische und sprachliche Diversität des Landes hat großen Einfluss auf die politischen Entscheidungsprozesse.

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea in der Stadtbücherei Frankfurt am Main © Parwiz Rahimi

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea in der Stadtbücherei Frankfurt am Main © Parwiz Rahimi

Auch der Befreiungskrieg der eritreischen Bevölkerung zum Ende der Kolonialzeit zwischen 1961 und 1991 prägte das Demokratieverständnis sowie Vorstellungen des Staatsbildungsprozesses. Nach dem Befreiungskrieg hoffte die nationale und internationale Gemeinschaft, dass Eritrea auf dem afrikanischen Kontinent zu einem Vorbild für demokratische Entwicklungsprozesse würde. Doch diese Hoffnungen wurden enttäuscht:

Heute macht sich der Präsident vielmehr mit einer paternalistischen Politik einen Namen. Die Innenpolitik ist stark durch die Militarisierung der Gesellschaft geprägt und die Außenpolitik durch einen minimalen Kontakt mit der internationalen Gemeinschaft. Monatlich fliehen bis zu 5000 Menschen aus dem Land, um der militärischen Rekrutierung oder der politischen Verfolgung zu entkommen. Die hohe Zahl der Flüchtenden, so Ghirmai, ist ein großer Verlust für eine Bevölkerung von nur etwa sechs Millionen Menschen.

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea in der Stadtbücherei Frankfurt am Main © Parwiz Rahimi

Dr. Ghirmai, Politikwissenschaftler, spricht für aeWorldwide über Eritrea in der Stadtbücherei Frankfurt am Main © Parwiz Rahimi

Im Anschluss an den Vortrag stellte das Publikum viele interessierte Fragen. Sie bezogen sich sowohl auf den Inhalt als auch auf die persönlichen politischen Vorstellungen Dr. Ghirmais, wie die Lage sich zukünftig entwickeln würde.

Abgerundet wurde der gelungene Abend mit einem Stehempfang, bei welchem sich die Zuhörer*innen gegenseitig kennen lernen und individuell mit Dr. Ghirmai reden konnten.

 

 

 

Autorin:
Sherouk Elsheshai

Sherouk Elsheshai für aeWorldwide