Refugee Stories – der unbegleitete minderjährige Geflüchtete S. - academic experience Worldwide e.V.

Refugee Stories – der unbegleitete minderjährige Geflüchtete S.

Mit der Hilfe eines Übersetzers schildert ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (umF) seine bewegenden und oft harten Erlebnisse in Deutschland (https://www.facebook.com/refugeestory/). Nicht selten gerät S. dabei in Konflikt mit seinen Betreuer_Innen, die seine Offenherzigkeit alles andere als schätzen.

Bei GeistesSchaffen/MindWork soll S. daher die weitere Gelegenheit für ein Forum der Kommunikation und Transparenz-machung seiner Erfahrungen und Ansichten gegeben werden. Es ist S., der schreibt, seine Ansichten sind nicht zwingend jene von aeWorldwide e.V. Es entspricht aber unserem Anliegen, das persönliche individuelle Empfinden zu vermitteln, das sich zuweilen zwischen depressiver Schwarzmalerei, sich auftürmenden Ängsten (die der Leserin vielleicht als irrational erscheinen) und zuweilen vielleicht auch jugendlicher Übertreibung entfaltet.

Wir veröffentlichen eine Auswahl der Postings von „Refugee Stories“ aus dem vergangenen halben Jahr.

 

Profilbild "Refugee Stories" bei Facebook

Profilbild „Refugee Stories“ bei Facebook

Kapitel 0:

Im Namen Gottes, des Barmherzigen und Gnädigen,

Seit dem Moment, als ich meine Augen öffnete, existierten auch die Tränen.

Seit dem Moment, als ich die linke von der rechten Hand unterscheiden konnte, war die Verantwortung der Familie in meiner Hand. Jeder hat in seinem Leben große Probleme, aber alle haben einen Partner oder jemanden, dem sie sich anvertrauen können. Bei mir gab es einen großen Unterschied.
Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, weil ich im Leben schon so viele Schmerzen ertragen musste, dass es für mich normal geworden ist.
Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich mir ein Fahrrad gewünscht, weil alle meine Freunde eins hatten, nur ich nicht. Es war ein Wunsch, den ich hatte, als ich klein war und der, je größer ich wurde, zur Sehnsucht wuchs.
Mein ganzes Leben war ich ein Flüchtling, weil in meiner Heimat immer Krieg und Blutvergießen herrschte und immer noch herrscht. Die schwierigsten Tage im Leben verbrachte ich im Iran.
In diesem Land sind Flüchtlinge mit Namen Afghane nichts wert. Sie wurden und werden in der Gesellschaft immer als minderwertig betrachtet. Man schikaniert sie und man macht sich über sie lustig.
Diese Worte sind einzeln für sich je eine Geschichte. Es ist so schmerzhaft, dass sich, immer wenn ich darüber nachdenke, Tränen in meinen Augen sammeln.

Als ich in Iran war, habe ich Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe so viel gearbeitet, mehr Tage, als der Monat hatte. Aber das Geld, was ich bekam, war weniger, als der Monat Tage hatte. Warum? Weil der Name Afghane auf meiner Stirn stand.
Als ich im Iran war, war meine Bitte an Gott immer…
Oh Gott, warum hast du nicht alle Menschen gleich erschaffen, ohne Stolz, sodass ich und tausende andere Menschen darunter leiden müssen. Warum nur? Warum?
Warum werde ich aufgrund meiner Herkunft oder meines nicht vorhandenen Wohlstandes schikaniert? Warum müssen wir das ertragen?
Aufgrund dieses Problems habe ich in meinem Leben schon tausende junge Menschen gesehen, die drogenabhängig geworden sind und die so ihr Leben und ihr Schicksal für immer dunkel gefärbt und zerstört haben. Warum? Weil sie keine Hoffnung mehr für ihr Leben sahen und niemand kam, um ihre Hand zu nehmen oder ihnen zu helfen.
Weißt du, die Welt ist eine Art besonderer Tanz. Wenn du nur einmal nicht im Takt bist, haut sie dich plötzlich so um, dass du nicht mehr aufstehen kannst.
Die Menschen dieser Welt haben mir beigebracht, dass wenn du kein Geld hast, wird dein Platz immer unter ihren Füßen sein. Sie werden dich unter sich zerquetschen.
Als ich in Iran war, war mein Wunsch ins Ausland zu kommen, um zu lernen und mich weiter zu entwickeln, denn im Iran ist es für Flüchtlinge verboten zur Schule zu gehen.

Als ich daran dachte ins Ausland zu gehen, war das erste, was mir in den Kopf kam Geld. Die Sache, die ich nie hatte. Als einziges männliches Kind der Familie war ich gezwungen für die Kosten der Familie aufzukommen, weil mein Vater allein nicht die Kraft dazu hatte. Als Kind musste ich die Sehnsucht nach einem Fahrrad ertragen, aber als ich anfing zu arbeiten, konnte ich meinem Vater ein Auto finanzieren, sodass wenigstens er glücklich ist.
Den Wunsch ins Ausland zu gehen habe ich begraben, um ein Lächeln im Gesicht meines Vaters sehen. Trotz der Armut und mit viel Arbeit habe ich es geschafft meinen Vater glücklich zu machen, auch wenn es hieß meine eigenen Wünsche zu begraben, um das Herz meines Vaters zum Leuchten zu bringen.
Als ich das getan hatte, habe ich durch das Lächeln meines Vaters auch Stolz für mich selbst verspürt. Der größte Wunsch ist das Lächeln und der Stolz der Eltern für ihr Kind, nichts anderes.
Jahre und Monate vergingen und ich habe die Arbeit fortgesetzt, Tag und Nacht, bis eines Tages mein Vater zu mir sagte: „Mein Sohn, es tut mir leid, dass du die Sehnsucht eines Fahrrades ertragen musstest. Und trotz dieser Sehnsucht konntest du heranreifen und auf deinen eigenen Beinen stehen.“ Während mein Vater diese Worte sagte, hatte er Tränen in den Augen. Er sagte weiter „Du hast für die Familie immer auf die Erfüllung deiner Wünsche verzichtet. Geh nun zu dem Ort, wo du schon immer hingehen wolltest. Geh, lebe dort und schaffe dir eine Zukunft.“ Obwohl ich kein Geld hatte, habe ich mich mit Gottes Hilfe auf den Weg gemacht.

Ich habe mich auf dem Gedanken ausgeruht, dass meine Freunde mir helfen würden, aber ich habe sehr falsch gelegen.
[Solange ich Geld hatte, waren sie immer an meiner Seite. Aber sobald sie merkten, dass ich kein Geld mehr habe, haben sie mich losgelassen.]

Mein Vater hatte Recht. Wenn du auf Reisen gehst, erkennst du deine Freunde. Er hatte Recht. Es ist ein Sprichwort: Solange du nicht auf Reisen gegangen bist, weißt du nicht, wer dein Freund ist und wer dein Feind.
Ich war alleine. Auf dem ganzen Weg war ich alleine, weil sie wussten, dass ich kein Geld hatte, wollte sich niemand mir anschließen. Die meisten Nächte war ich im Wald alleine. Die meisten Nächte bin ich aus Angst bis zum Morgen im Wald spazieren gegangen und gelaufen. Das Leben in der Einsamkeit hat mich vieles gelehrt.
Zu meinem Glück sagten alle stets „Bei Gott, er versteht mehr als sein Alter verrät.“ Aber sie wussten nicht, dass ich auch mehr als meinem Alter entsprechend Schwierigkeiten und Kummer zu überwinden hatte.
Die Tage vergingen und ich bekam Nachricht, dass die Freunde, die eigentlich später als ich losliefen, früher als ich angekommen sind. Manchmal hatte ich die Hoffnung verloren, sodass ich stundenlang weinte. Aber sobald ich mich an die Tränen und das Gesicht meines Vaters erinnerte, hatte ich meinen Schmerz und Kummer vergessen und habe meinen Weg fortgesetzt, damit sie stolz auf mich sein können.
Zwei Monate sind vergangen und ich konnte in zwei Monaten Deutschland erreichen.
Als ich hier angekommen bin, war ich sehr froh und fröhlich, bis meine Mutter krank wurde und einen Herzinfarkt erlitt. Zwei Wochen lag sie wie eine Leiche im Krankenhaus, weil wir kein Geld hatten. Niemand hat meiner Mutter geholfen. Das letzte Mal, als ich mit dem Arzt sprach, sagte er „Die Lage deiner Mutter ist sehr prekär. Wahrscheinlich wird sie bis zum Wochenende sterben.“ Das Leben wurde für mich zur Hölle. Tage und Nächte habe ich in Groß-Umstadt geweint. Einmal stand sogar mein eigenes Herz still vor Schmerz und Kummer, die ich mit mir trug. Bis schließlich meine ehemaligen Betreuer Nachricht erhielten, was sich zugetragen hatte und mir geholfen haben die Krankenhauskosten meiner Mutter zu begleichen. Als ich nach einiger Zeit, also nach einem Monat, gesehen habe, wie es meiner Mutter besser geht und dass sie sie nach Hause bringen, habe ich Gott für die Gesundheit meiner Mutter tausend Mal gedankt
Und jetzt, aufgrund meiner vielen Probleme, die ich in der Vergangenheit hatte, bin ich seelisch so schwer angeschlagen, dass ich selbst zum Psychotherapeuten gehe, damit es mir wieder besser geht.

Mein Vater hat immer gesagt: „Mein Junge, versuche nie deine Feinde zu kennen, denn so wirst du viele deiner Freunde verlieren.“
Er hatte Recht. In dieser Welt kannst du Freunde und Feinde nicht erkennen, weil du immer von der Person enttäuscht wirst, von der du es am wenigsten erwartest.
Um ehrlich zu sein, bin ich sehr erschöpft von dieser Welt, weil sie mir immer nur Schmerz zugefügt hat. Aber ich möchte weitermachen, um die Ziele, die ich mir gesetzt habe, zu erreichen.
Ich weiß nicht, warum diese Welt so ist. Wenn du Leid hast, brauchst du jemanden, der mit die fühlt, aber niemand ist bei dir. Aber wenn du glücklich bist, sind alle bei dir. Also nur in Freude, nie im Leid. Ich bin erschöpft, aber ich weiß, dass ich eines Tages meine Ziele, die ich mir gesetzt habe, erreichen werde.
Die regnerischen Abende haben mich gelehrt, dass das Weinen manchmal dem Menschen Ruhe bringt. Ich bin erschöpft, aber ich werde meine einsame Welt schon formen.

Der einzige Traum, den ich habe, ist Sänger zu werden, damit ich von meinem vielen Kummer und Leid singen kann. Ich wünsche mir jemanden, der mir auf diesem Weg helfen kann, damit ich singen kann. Ich habe das Zeug dazu und ich habe auch schon Lieder, die ich selbst geschrieben habe. Ich habe das Singen und die Musik schon als Kind geliebt und ich tue es immer noch.

Ich danke euch Lieben, die meine Geschichte verfolgen und mitlesen, von ganzem Herzen und ich möchte euch bitten, dass ihr mich nicht alleine lasst. Ich bete immer von ganzem Herzen für euch Lieben. Vielen Dank für eure Fürsorge und euren Beistand.

Verfolgt meine Geschichte weiterhin und lasst mich nicht alleine. Vielen Dank euch allen, Lieben.

Original Skript

Originalskript

 

Kapitel 1-6: 

Willkommen auf meiner Seite.
Nennt mich Refugee, denn das bin ich.
Ich bin 16 Jahre alt und stamme aus Afghanistan. Ich bin in Iran aufgewachsen.
Afghanen werden in Iran wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Schon oft wurde ich von der Polizei festgehalten, nur aufgrund meiner Herkunft.
Seitdem ich sieben Jahre alt war, habe ich meine Familie unterstützt. Ich habe als Schneider gearbeitet, als Koch, als Friseur. Mir hat die Arbeit Spaß gemacht. Doch sobald ich nach einer offiziellen Ausbildung oder einem Zeugnis gefragt hatte, hat man abgewunken mit dem Kommentar „Naja, du bist ja nur Afghane.“
Schon früh habe ich es gespürt bekommen, was es bedeutet ein Mensch zweiter Klasse zu sein.

Ich war im Konflikt mit der Polizei. Meine Eltern haben mich zusammen mit meinem Onkel nach Europa geschickt. Alles Geld, was wir hatten, haben sie mir in die Hand gedrückt.
Ich war bereits einen Monat unterwegs und in der Türkei gelandet, als ich erfahren hatte, das meine Mutter erkrankt ist. Den gefährlichen Weg über Berge und Wälder bin ich entgegen des Massenstroms wieder zurückgelaufen.

Ich habe 4 Schwestern. Ich bin der einzige Sohn in der Familie. Alle zählen auf mich. Es ist ein enormer Druck. Eine meiner Schwestern ist krank. Sie hat als Kind zu viel in der Schneiderei gesessen und eine krumme Hüfte.
Ich liebe meine Familie über alles und doch war ich ein schlechter Sohn. Wenn ich ein guter Sohn gewesen wäre, hätte ich meinen Eltern nicht so viel Kummer bereitet. Weshalb ich mit der Polizei in einen Konflikt geraten bin? Eine einfache Schlägerei, weil meine Freundin einen anderen, einen älteren Mann, heiraten wollte. Liebeskummer. Es hat mich sechs Monate Gefängnis gekostet. Ich war noch ein Kind.

Meine Mutter hatte sich erholt. Ich habe meine Strafe abgesessen. Damit es nicht zu weiteren Schwierigkeiten kommt, setzen mich meine Eltern in einen Bus. Diesmal alleine. Mein Onkel ist schon in Griechenland und kämpft sich weiter. Meine Mutter weint bitterlich, als sie mich verabschieden. Alle zählen auf mich. Alle zählen darauf, dass ich in Europa ein neues, erfolgreiches Leben anfangen kann.
Ich hatte die Schule besucht. Ich hatte sogar einige Brocken Englisch gelernt. Ich hatte sogar die Aufnahmeprüfung zur Uni bestanden. Aber meine Familie hatte nicht genug Geld. Stattdessen habe ich als Koch gearbeitet und Hochzeitsgesellschaften versorgt.

Was ich unterwegs erlebe, kann ich nicht wiedergeben. Es ist hart. Ich weiß nicht, wie ich es bis nach Deutschland geschafft habe. Eigentlich wollte ich nach Schweden, aber in Deutschland wurde ich gefasst. Ich wollte nur Rast machen, doch die Polizei hat mich direkt registriert.
Unterwegs bin ich durch Wälder gestreift und habe im freien übernachtet. Das war nicht schlimm. Es war Sommer und ich bin hart im nehmen. Das Gefängnis in Iran hat mich hart gemacht.

Ich werde nach Frankfurt-Höchst gebracht. Ich lerne neue Freunde kennen. Die Betreuer sind liebenswert. Die Gegend gefällt mir. Sie ist lebendig. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Die Betreuer bringen uns zur Eisbahn, zur Buchmesse und zum Einkaufen. Unsere Gemeinschaft ist wie eine große Familie. Jeden Nachmittags gehen wir gemeinsam Fußball spielen. Man bringt uns sogar in den örtlichen Jugendclub. Dort sind auch Mädchen. Aber wir haben Angst die Mädchen anzusprechen. Wir möchten sie nicht belästigen. Und wenn sie uns antworten, würden wir ohnehin nichts verstehen. Dann gäbe es Missverständnisse und Unmut. Lieber nicht.

Kapitel 14: 

Es ist Ende Oktober. Endlich! Uns wurde gesagt, dass man uns versetzen wird. Leider werden nicht alle Freunde zusammen bleiben können. Ich freue mich so sehr. Man hat uns versprochen, dass wir ab nächster Woche in normale Schulen gehen dürfen, mit anderen deutschen Kindern. Außerdem wird die Unterkunft diesmal von Dauer sein. Nicht nur für den Übergang. Ich freue mich. Ich bin gespannt. Die, die noch nicht versetzt werden, beneiden uns. Sie werden hier bleiben müssen. Man sagt, wir kommen in Darmstadt unter. Ich frage mich, wie es dort sein wird. Ich bin aufgeregt.

Kapitel 16: 

Ich bin geschockt. Wo sind wir hier? Es ist weder Darmstadt noch Dieburg. Es ist ein Ort, dessen Namen ich nichtmal aussprechen kann. Es ist ein Krankenhaus. Sie haben uns angewiesen „Geht nicht nach dort drüben. Da sind die Leute aus der Psychiatrie.“ Sie haben uns mit Verrückten weggesperrt. Es gab nichts zu essen. Keine Betreuer.
Warum sind wir hier? Womit habe ich das verdient? Was soll das?
Niemand glaubt mir, wenn ich von diesem schrecklichen Ort erzähle. Sie behaupten ich hätte alles falsch verstanden. Aber es ist wahr.
Es gibt kein WiFi. Wie soll ich den Kontakt zu meiner Familie halten?
Und als wir nach Schule gefragt haben, wurden wir ausgelacht. Ich hatte mich so gefreut endlich zur Schule gehen zu dürfen.

Kapitel 21 & 24: 

Wir sind hier in einer Psychiatrie. Ich habe Angst, dass uns irgendwann die Verrückten anfallen oder so. In Afghanistan und Iran werden verrückte weggesperrt. Hier sperrt man Jugendliche mit ihnen weg. Es ist traurig. Ich fühle mich wie ein Aussätziger. Bis wir in Frankfurt sind, brauchen wir zwei Stunden. Unsere Freunde zu besuchen ist fast unmöglich.
Geld für eine Fahrkarte oder um uns selbst Essen kaufen zu können gibt es nicht.
Das Essen ist eklig. Es gibt nur eine warme Mahlzeit pro Tag. Frühstück und Abendbrot ist das Gleiche. Trockenes Brot mit Butter und Marmelade. Ich sage es der Übersetzerin und anderen ehrenamtlichen Helfern, die wir aus Höchst noch kennen. Aber niemand glaubt uns. Sie sagen, wir sollen uns nicht so anstellen und, dass es normal sei. Aber es ist doch Deutschland! Wie kann so etwas in einem so fortschrittlichen Land normal sein?

[…]

Warum nimmt Deutschland so viele Flüchtlinge auf, wenn wir dann nur wie Tiere behandelt werden? Was ist dieses Deutschland, dass von allen so hoch gepriesen wird? Wo ist diese Frau Merkel, die immer sagt, alle seien willkommen? Hat sie mal gesehen, wie die Menschen in ihrem Land behandelt werden?

Kapitel 32 & 35: 

Unsere neuen Betreuer schauen nur maximal zweimal pro Woche vorbei. In F-Höchst war immer jemand bei uns. Wir waren nie alleine und hatten immer jemanden, an den wir uns wenden konnten. Hier kümmert sich niemand um uns. Wir sind auf uns alleine gestellt. Noch herrscht kein Chaos, denn wir sitzen alle im gleichen Boot. Noch…

Wenn wir Geld hätten, würde wahrscheinlich alles viel schneller gehen. Sie behandeln uns wie Aussätzige, weil wir nichts haben. Sie können es sich erlauben. Ich komme mir wieder vor wie im Iran, wo man die Afghanen nie akzeptiert hat.

[…]

Sie erzählen uns, dass die Behörden überfordert sind und an ihre Grenzen stoßen. Sie erzählen, dass Menschen in Turnhallen schlafen, weil es keinen Platz mehr gibt. Aber diese Menschen sind nicht so wie wir von der Außenwelt abgeschnitten. Diese Menschen in den Turnhallen bekommen richtiges Essen. Nicht wie wir ständig nur Butter und Marmelade. Sie erzählen uns, wir könnten froh sein Deutschkurse zu bekommen…welche?

Wieso ist niemand hier? Ich fühle mich so alleine. Ich bin so enttäuscht von allen. Niemand kümmert sich um uns. Sie reden viel, aber es ändert sich nichts. Jugendamt? Angeblich haben sie die Fürsorgepflicht. Aber sie interessiert es am aller wenigsten, dass wir alle durch halb Hessen streunern. Sie haben nicht mal gemerkt, dass einige sich auf den Weg nach Schweden gemacht haben und nicht mehr zurückgekommen sind. Wir können uns die Köpfe einschlagen und uns prügeln. Es interessiert niemanden. Es ist richtig: Wir haben ins unseren kurzen Leben schon eine Menge erlebt. Vor allem Tod und Leid. Aber gerade deshalb brauchen wir Stabilität und Sicherheit. Jemanden, an den wir uns wenden können, eine Anlaufstelle…aber die gibt es nicht. Nicht hier. 

Kapitel 40: 

Sie sagen uns, es sei besser als auf der Flucht. Aber auf der Flucht waren wir Menschen. Wir hatten Würde. Hier werden wir ins Niemandsland gesteckt, wo uns niemand bemerkt. Wir sind Aussätzige der Gesellschaft – der deutschen Gesellschaft. Was haben wir dir getan, Deutschland? Wir wollen doch nur leben. Wir wollen die deutsche Sprache lernen und interessieren uns für die Kultur. Wenn wir fanatisch wären, dann wären wir bei den Taliban im Krieg geblieben. Wir sind friedliche Menschen. Was haben wir euch getan, dass ihr uns so behandelt?

Kapitel 50: 

Wir boykottieren das Abendbrot. Wir essen nichts. Wir werden so lange nichts essen, bis sich etwas ändert.
Auch am nächsten Tag essen wir nichts. Den ganzen Tag haben wir ausgeharrt. wir sind erschöpft. Einige von den Jüngeren halten es nicht aus. Wir stecken ihnen Geld zu, das wir zusammenlegen. Sie sollen lieber draußen essen, als hier.
Für fünfzig Personen gab es sechs Äpfel. Beim Mittagessen waren wir kurz davor aufzugeben, aber dann haben sie uns erzählt, dass es das Krankenhausessen ist. Sie geben uns einfach die Reste, die übrig geblieben sind. Sechs Äpfel für fünfzig Personen? Sind wir keine Menschen? Wir sind doch keine Tiere im Stall. Wir bekommen das gleiche Essen wie die Verrückten von nebenan.
Die Situation eskaliert. Das Essen wird hin und her geworfen. Einige weinen, manche schreien. Aufgrund unseres Hungerstreiks sind einige erkrankt. Sie fühlen sich nicht gut.
Aber wir machen weiter. Wenn die anderen weitermachen, mache ich auch weiter. Es geht nicht nur um’s Essen. Wir wollen wenigstens zur Schule.

Was hat das ganze gebracht? Nichts! Es hat niemanden interessiert. Wir haben gesagt wir bestreiken das Essen, aber es war kein Betreuer da. Niemand konnte und wollte sich um uns kümmern. Wir haben uns manchmal über F-Höchst beschwert, aber sobald einer nicht zum Essen erschienen ist, haben sich alle Betreuer Sorgen gemacht. Es ist immer direkt jemand gekommen und hat nachgefragt. Hier ist niemand.
Ich weiß nicht, was ich machen soll. Alle sagen ständig wir sollen Geduld haben. Aber bis wann? Es ist wirklich schwierig und von Tag zu Tag haben wir weniger Hoffnung.

Unser Badezimmer: 

Die Abflüsse funktionieren nicht richtig, deshalb steht das Wasser.
Da scheinbar vorher auch nie geputzt worden ist, ist alles voller Staub. Der Staub vermischt sich mit dem Wasser. Außerdem sind überall Haare. Es ist eklig. Mit Papierhandtüchern haben wir versucht das Wasser aufzusaugen. Es hat natürlich nicht funktioniert. Wir haben weder Wischmopp noch andere Putzmittel.
Das ist der Raum, in dem wir uns waschen! Handtücher gab es keine. Die haben wir aus F-Höchst mitgenommen. Wir hatten keine andere Wahl.
Drei Duschen für je 20 Jungs
.

Der Waschraum

Der überschwemmte Waschraum

  

Kapitel 62: 

Ich bin nur ein Junge und ich habe auch Träume wie ein Junge. Es ist egal, ob man aus Afghanistan, Iran oder Deutschland kommt. Die Träume sind meist die gleichen. Ich möchte Sänger werden. Ich habe eine gute Stimme. Ich liebe die Musik. Ich kann sogar trommeln. Ich schreibe gerne Texte und ich singe unheimlich gerne. Ich habe keine Angst vor Publikum zu singen. Aber ich singe nur vor Publikum, dass es zu schätzen weiß. Ich singe nicht vor jedem. Ich habe den Traum eines Tages auf einer Bühne zu stehen und keine Geldsorgen zu haben. Ich habe den Traum so viel zu essen, wie ich will, ohne daran denken zu müssen etwas für die anderen übrig zu lassen. Wenn das nichts wird, würde ich gerne Schauspieler werden. Ich bin ein toller Schauspieler. Ich würde es allen zeigen.

Ich habe diesen Traum, aber es ist eben nur ein Traum. Ich durchlebe die Realität. 

Kapitel 64: 

Es ist wieder jemand zu Besuch gekommen. Eine von den Ehrenamtlichen aus Frankfurt. Sie hat uns Milch mitgebracht. Vor einigen Tagen gab es beim Abendessen Streit um Milch. Sie hat einen ganzen Karton mitgebracht. Außerdem hat sie eine Packung mit einer Art kleinen Chips mitgebracht (Cornflakes). Sie sagt, man esse das mit Milch. Aber ich finde die Milch zu schade dafür. Wir essen die Chips einfach so und trinken die Milch ganz normal.
Sie sagte, sie hätte B. auf der Straße getroffen. Er sah nicht gut aus. Ich glaube, er nimmt Drogen, weil er depressiv geworden ist, aber das sage ich ihr erstmal nicht. A. saß ganz ruhig in der Ecke. Später hat sie mir gesagt, dass sie den Eindruck hatte A. sei verstört. Generell meinte sie, wir sahen alle nicht gut aus. 
  

Kapitel 69: 

Heute gab es kein Frühstück. Es ist Montag, aber es wurde nichts gebracht. Hier liegen immer noch die Sachen vom Wochenende. Dort, Ich habe mich auf dem Gedanken ausgeruht, dass meine Freunde mir helfen würden, aber ich habe sehr falsch gelegen.
[Solange ich Geld hatte, waren sie immer an meiner Seite. Aber sobald sie merkten, dass ich kein Geld mehr habe, haben sie mich losgelassen.]
Mein Vater hatte Recht. Wenn du auf Reisen gehst, erkennst du deine Freunde. Er hatte Recht. Es ist ein Sprichwort: Solange du nicht auf Reisen gegangen bist, weißt du nicht, wer dein Freund ist und wer dein Feind.
Ich war alleine. Auf dem ganzen Weg war ich alleine, weil sie wussten, dass ich kein Geld hatte, wollte sich niemand mir anschließen. Die meisten Nächte war ich im Wald alleine. Die meisten Nächte bin ich aus Angst bis zum Morgen im Wald spazieren gegangen und gelaufen. Das Leben in der Einsamkeit hat mich vieles gelehrt.
Zu meinem Glück sagten alle stets „Bei Gott, er versteht mehr als sein Alter verrät.“ Aber sie wussten nicht, dass ich auch mehr als meinem Alter entsprechend Schwierigkeiten und Kummer zu überwinden hatte.
Die Tage vergingen und ich bekam Nachricht, dass die Freunde, die eigentlich später als ich losliefen, früher als ich angekommen sind. Manchmal hatte ich die Hoffnung verloren, sodass ich stundenlang weinte. Aber sobald ich mich an die Tränen und das Gesicht meines Vaters erinnerte, hatte ich meinen Schmerz und Kummer vergessen und habe meinen Weg fortgesetzt, damit sie stolz auf mich sein können.
Zwei Monate sind vergangen und ich konnte in zwei Monaten Deutschland erreichen.
Als ich hier angekommen bin, war ich sehr froh und fröhlich, bis meine Mutter krank wurde und einen Herzinfarkt erlitt. Zwei Wochen lag sie wie eine Leiche im Krankenhaus, weil wir kein Geld hatten. Niemand hat meiner Mutter geholfen. Das letzte Mal, als ich mit dem Arzt sprach, sagte er „Die Lage deiner Mutter ist sehr prekär. Wahrscheinlich wird sie bis zum Wochenende sterben.“ Das Leben wurde für mich zur Hölle. Tage und Nächte habe ich in Groß-Umstadt geweint. Einmal stand sogar mein eigenes Herz still vor Schmerz und Kummer, die ich mit mir trug. Bis schließlich meine ehemaligen Betreuer Nachricht erhielten, was sich zugetragen hatte und mir geholfen haben die Krankenhauskosten meiner Mutter zu begleichen. Als ich nach einiger Zeit, also nach einem Monat, gesehen habe, wie es meiner Mutter besser geht und dass sie sie nach Hause bringen, habe ich Gott für die Gesundheit meiner Mutter tausend Mal gedankt
Und jetzt, aufgrund meiner vielen Probleme, die ich in der Vergangenheit hatte, bin ich seelisch so schwer angeschlagen, dass ich selbst zum Psychotherapeuten gehe, damit es mir wieder besser geht.
Mein Vater hat immer gesagt: „Mein Junge, versuche nie deine Feinde zu kennen, denn so wirst du viele deiner Freunde verlieren.“
Er hatte Recht. In dieser Welt kannst du Freunde und Feinde nicht erkennen, weil du immer von der Person enttäuscht wirst, von der du es am wenigsten erwartest.
Um ehrlich zu sein, bin ich sehr erschöpft von dieser Welt, weil sie mir immer nur Schmerz zugefügt hat. Aber ich möchte weitermachen, um die Ziele, die ich mir gesetzt habe, zu erreichen.
Ich weiß nicht, warum diese Welt so ist. Wenn du Leid hast, brauchst du jemanden, der mit die fühlt, aber niemand ist bei dir. Aber wenn du glücklich bist, sind alle bei dir. Also nur in Freude, nie im Leid. Ich bin erschöpft, aber ich weiß, dass ich eines Tages meine Ziele, die ich mir gesetzt habe, erreichen werde.
Die regnerischen Abende haben mich gelehrt, dass das Weinen manchmal dem Menschen Ruhe bringt. Ich bin erschöpft, aber ich werde meine einsame Welt schon formen.
Der einzige Traum, den ich habe, ist Sänger zu werden, damit ich von meinem vielen Kummer und Leid singen kann. Ich wünsche mir jemanden, der mir auf diesem Weg helfen kann, damit ich singen kann. Ich habe das Zeug dazu und ich habe auch schon Lieder, die ich selbst geschrieben habe. Ich habe das Singen und die Musik schon als Kind geliebt und ich tue es immer noch.
Ich danke euch Lieben, die meine Geschichte verfolgen und mitlesen, von ganzem Herzen und ich möchte euch bitten, dass ihr mich nicht alleine lasst. Ich bete immer von ganzem Herzen für euch Lieben. Vielen Dank für eure Fürsorge und euren Beistand.
Verfolgt meine Geschichte weiterhin und lasst mich nicht alleine. Vielen Dank euch allen, Lieben.wo normalerweise das Essen aufgebaut wird, liegt dreckiges Geschirr und verderbliches Essen von vor drei Tagen. Das Essen riecht so extrem, dass einigen Jungs übel wird und sie sich übergeben müssen. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Es ist niemand da, der aufräumt, putzt, reinigt. Es ist niemand da, der sich um diejenigen kümmert, die sich übergeben haben. Sie werden ihrem Schicksal überlassen. Einige müssen sich mehrmals übergeben.
Wenn bei uns demnächst nicht irgendwelche Krankheiten aufgrund von mangelnder Hygiene ausbrechen, dann grenzt das an ein Wunder. Eine Putzfrau gibt es nicht, aber es gibt auch niemanden, der uns beibringt Ordnung zu halten. Wir sind doch auch nur Jungs. Ich bin bereit zu putzen, aber ich weiß nicht wie. Niemand leitet uns an. Niemand gibt uns Reinigungsmittel. Wie sollen wir das bewältigen?

12:30Uhr: Bis jetzt wurde kein Mittagessen gebracht. Das Essen von vor drei Tagen liegt immer noch herum. Wir haben nichts zu essen bekommen. Das, was wir gestern hatten, ist ebenfalls das, was vor drei Tagen angeliefert wurde. Ein Betreuer ist immer noch nicht aufzufinden.

14:00Uhr: Mittagessen wird endlich gebracht. Ein Betreuer ist immer noch nicht aufzufinden.

16:00Uhr Ein Betreuer ist endlich anwesend.

Einer kann raus, zwei können raus. Aber wir sind vierzig Leute. Wo sollen wir denn hin? Ich kann mir nicht alleine etwas zu essen holen. Was sollen dann die anderen machen? Ist heute nicht ein Werktag? Wieso kommt niemand vorbei? Müssen die Betreuer nicht arbeiten? Wir sind ganz alleine hier. Einige haben Angst. Wieso sind sie so menschenverachtend? Wir sind doch auch nur Menschen. Wir kann man vierzig Menschen einfach so nicht beachten? Hier sind Menschen. Wieso versteht das niemand? Ob es mir gut geht? Blöde Floskeln. Ich warte nur darauf, dass jemand kommt. Ich fühle mich so alleine. Niemand beachtet uns. Wir sind wie der Dreck unter den Füßen der Gesellschaft. Aber selbst den Dreck beachtet man und streift ihn ab. Sind wir keine Menschen? Wenn ich es darauf abgesehen hätte, dann wäre ich in Afghanistan geblieben. Ohne Schule und ohne nichts. Aber wenigstens haben sie uns dort keine leeren Versprechungen gemacht. Hier warten wir und warten und werden immer wieder enttäuscht. Vielleicht haben sie uns vergessen. Die Gruppe von Syriern ist weg. Wir zählen anscheinend nicht. Ich habe keine Nummer vom Jugendamt oder Betreuern, wo ich anrufen könnte. Ich bin seit zwei Wochen hier und weiß nicht mal wie der Betreuer aussieht. Ich schwöre, ich werde mir die Adern aufschlitzen. Mal sehen, ob sie uns dann Beachtung schenken. Selbst wenn ich mir die Adern aufschlitze, interessiert es niemanden.

 

Kapitel … Weihnachten: 

Gestern kamen kleine Kinder, um uns Geschenke zu bringen. In jedem Päckchen waren Hygieneartikel wie Shampoo und Seife und etwas zu essen.
Das meiste war schon benutzt und die Essenspackungen teilweise schon geöffnet. Es ist zwar gut gemeint, aber wieso tun sie so etwas? So kommen wir uns erst recht vor wie Abschaum. Wir sind nicht mal neues, ungebrauchtes Shampoo wert. Das verstehe ich einfach nicht.

Wir dachten es wird gefeiert, da uns alle erzählt hatten, es sei ein großes Fest. Seit einem Monat ist die Innenstadt geschmückt und wir haben den Weihnachtsmarkt gesehen.
Wir haben uns dort schon einige Male umgesehen, aber gekauft haben wir nichts. Womit auch? Wir haben kein Geld. Wir beobachten nur die Deutschen, wie sie ihren heißen Wein trinken. Wir kann man nur heißen Wein trinken? Das ist doch total eklig. Er ist heiß! Mit dem Gedanken kann ich mich nicht anfreunden. Wenn er wenigstens kalt wäre.
Aber was soll’s. Wir bekommen den Wein nicht, selbst wenn wir wollten. Und Geld haben wir erst recht keins.
Es ist schön zu sehen, wie sie alle bei den Lichtern umher laufen. Auch, wenn wir nichts damit anfangen können.
Es ist niemand da, der uns den Brauch erklären könnte.

Heute, am 24.12. haben wir uns extra auf den Weg nach Darmstadt gemacht, um zu sehen, wie die Leute feiern. Aber leider ist niemand mehr dort. Nicht mal einen Fliegenschlag könnte man beobachten. Die Stadt ist wie leer gefegt. Ich denke sie feiern? Wieso ist niemand hier?
Es fährt kein Bus und alle Läden sind geschlossen. Wir sind aufgeschmissen und müssen durch die Straßen lungern, bis der nächste Bus zurück nach Groß-Umstadt fährt. In drei Stunden.
Ich bin immer noch total verwirrt. Was ist dieses Fest und wo feiern die Leute?
Es ist niemand da, der uns die Bräuche erklärt. Wir wollen es doch wissen, aber wen könnten wir fragen?
Einige sagen „Alle feiern zusammen.“ aber niemand feiert mit uns.
Wir setzen uns an den Straßenrand und warten einfach auf den nächsten Bus.

  

Kapitel 89: 

Ich habe die letzten drei Tage nur vier Stunden geschlafen. Ich habe das Gefühl, dass meine Augen bluten.
Sie sagen, ich sei depressiv. Manchmal bin ich motiviert, etwas zu bewirken und im nächsten Moment möchte ich sterben. Alles ist mir egal. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren und schlafen kann ich sowieso nicht. Sie sagen, es seien Anzeichen von Depressionen. Ich wusste, dass ich hier verrückt werde. Das war von Anfang an ihr Plan.

Ich habe so viele eigene Probleme hier in der Unterkunft. Wir haben keine Betreuer, das W-Lan ist mir schon fast egal. Wir haben nichts zu tun. Wir starren den ganzen Tag gegen die Wand.
Und dazu kommen noch die Probleme meiner Familie. Sie denken, ich könnte alles lösen, dabei geht es mir doch nicht viel besser.

Alles dreht sich. Ich habe das Gefühl ich stecke in einem Teufelskreis fest. Ich weiß nicht mehr wohin. Es gibt keinen Ausweg.

  

Kapitel 93 & 94: 

Als ich aufgestanden bin, habe ich erfahren, dass B. im Krankenhaus ist. Ich weiß nicht wieso und warum. Ich muss mich noch erkundigen. Ich mache mir Sorgen. Warum war ich gestern nicht bei ihnen?

B. und zwei weitere hatten sich Alkohol gekauft. Sie waren betrunken. Die Security klopft sowieso nie an. Sie ist einfach reingeplatzt und hat die Jungs erwischt. Das Problem war wohl aber nicht der Alkohol, sondern die Tatsache, dass die Jungs zu dritt in einem Zweierzimmer saßen. Die zwei anderen Jungs wurden direkt rausgeschmissen. Ich weiß nicht, wohin. Es war nicht mal ein Betreuer anwesend. Sie wurden einfach abgeführt. B. ist weggerannt, nach Frankfurt-Höchst.

Sie hatten sich so sehr betrunken, dass sie anfingen sich Wunden zuzufügen. Es ist eine Art Trance, wenn wir so etwas machen. Wir betrinken uns so sehr, bis wir keinen Schmerz mehr spüren. Bis wir eigentlich gar nichts mehr spüren. Manche weinen, manche werden romantisch, manche machen so etwas. Wir sind hier sowieso schon tot und niemand beachtet uns. B. hatte sich die Scherbe einer Flasche genommen und sich in den Arm geritzt, um überhaupt etwas zu spüren. Wir haben keine Liebe, keine Geborgenheit, kein nichts. Er wollte den Schmerz spüren und auf sich aufmerksam machen. Er musste mit zwanzig Stichen genäht werden.

Er wollte nicht ins Krankenhaus, aber als er in Frankfurt-Höchst saß, kamen rein zufällig einige ehemalige Ehrenamtliche vorbei. Sie sahen ihn und haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Angeblich habe er geweint, aber das glaube ich nicht. Er hat ihnen bestimmt nur etwas vorgemacht.

Ich mache mich auf den Weg von Offenbach nach Frankfurt-Höchst, damit wir alle gemeinsam wieder nach Groß-Umstadt fahren. Ich habe mein ganzes Geld meiner Schwester gegeben, damit sie sich wenigstens neue Kleidung kaufen kann, um ein wenig von der Depression loszukommen. Mein Onkel wollte mir Geld für eine Fahrkarte in die Hand drücken, aber A. hat sowieso noch Ersparnisse und B. hat bestimmt auch noch Geld. Sie werden mir bestimmt etwas leihen. Mein Onkel hat mir dann nur zehn Euro gegeben und ausdrücklich gesagt, ich soll nicht schwarz fahren.

Als ich die Jungs sehe, sagen sie, dass sie kein Geld haben. A. hat sich ein neues Handy gekauft, weil sein anderes geklaut worden ist. Und B. hat sein ganzes Geld wieder für Drogen ausgegeben. Sie kaufen keine Fahrkarte, also kaufe ich auch keine, obwohl mein Onkel mich darum gebeten hatte. Es gehört zum Ehrenkodex. Entweder alle oder keiner. Wir fahren extra einen Umweg, um den Zug zu umgehen, wo so häufig Kontrolleure sind. Trotzdem taucht einer auf. Wir rennen weg, steigen aus und warten in der Kälte auf den nächsten Zug.

Bis jetzt war ich noch in Kontakt mit Bekannten aus Frankfurt, den Ehrenamtlichen. Sie versuchen uns zu leiten. Es ist spät, wir haben kein Geld. Sie versuchen zu helfen. Mittlerweile ist mein Akku leer. Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Bis der nächste Bus kommt, dauert es eine Stunde. Ich bin müde und es ist kalt. Wir haben alle kaum etwas gegessen.

 […]

 Wir sind endlich angekommen, aber B. wird nicht reingelassen. Die Security ruft die Polizei.
Die Security sagt, sie habe kein Problem mit B., aber die Polizei sagte wohl, man dürfe ihn nicht rein lassen. Wenn doch, bekomme der Security Probleme. Die Polizei sagte B. sei böse. Er dürfe nicht hier bleiben. Er müsse irgendwo nach Darmstadt. Betreuer kenne der Security nicht. Er befolge nur die Anweisungen der Polizei. Ohnehin haben die Betreuer dem Security nichts zu sagen.

B. geht es nicht gut. Er ist schließlich noch verletzt, aber das kümmert niemanden. Er braucht eigentlich nur Ruhe, aber sie lassen ihn nicht ins Haus. Die Security weigert sich mit irgendwem zu sprechen, außer mit der Polizei. Nicht mal mit Betreuern würden sie sprechen. B. hat Angst. Er hat Angst, dass die Polizei ihn irgendwo hinbringt oder dass er sogar abgeschoben wird. Er entschließt sich kurzer Hand wieder nach Frankfurt zurück zu fahren. Sein Handy hat keinen Akku. Ich gebe ihm mein restliches Geld, die zehn Euro, die mir mein Onkel eigentlich für die Fahrkarte gegeben hatte. Wir rufen die Freunde in Frankfurt an und sagen, sie sollen wach bleiben, bis B. angekommen ist. Wir haben vier Stunden gebraucht, bis wir nach Groß-Umstadt gekommen sind. Wer weiß, wie lange er braucht, um wieder zurück zu finden.

Die anderen beiden Jungs sind in anderen Unterkünften untergebracht worden. B. soll auch versetzt werden. Sie sollen alle getrennt untergebracht werden. B. soll in eine Turnhalle mit fünfhundert anderen Personen. Dort ist aber kein Platz. Er müsste in der Abstellkammer schlafen.

Keiner weiß, was morgen ist. B. weiß nicht wohin. Er weiß nicht, wohin sie ihn versetzt haben. Er hat Angst. Er will nicht alleine weg.

 

Kapitel 97: 

Ich bin bei den Betreuern unten durch. Die Ehrenamtlichen sagten, ich solle mich beschweren und ich solle mich so oft beschweren, bis sich etwas ändert. Aber es ändert sich nichts. Und die Betreuer unterdrücken mich. Alle anderen haben schon aufgegeben und beugen sich dem System. Ich will das nicht. Ich will, dass sich etwas ändert. Aber ich stehe bei den Betreuern schon auf der schwarzen Liste. Sie gehen mit den anderen Fußballspielen, aber mich nehmen sie nicht mit. Sie sagen, einige dürften in die Schule – alle außer mir. Sie verteilen Taschengeld – allen außer mir. Warum? Nur, weil ich mich eingesetzt hatte? Nur weil ich die Klappe aufgerissen habe? Ich habe mich zum Affen gemacht und die anderen ziehen den Nutzen.

Kapitel 99: 

Die Ehrenamtlichen aus Frankfurt kündigen immer wieder Besuch an. Aber ich habe niemanden gesehen. Vielleicht waren sie in einem anderen Stockwerk.

Ehrenamtliche werden nicht mehr reingelassen. Aufgrund von B.s Vorfall gab es wohl zu viel negative Presse. Die Ehrenamtlichen haben außerdem gemeldet, wie die Umstände hier sind. Das Jugendamt und der Landkreis wollen dem vorbeugen. Aber nicht, indem sie die Umstände ändern, sondern einfach indem niemand mehr reingelassen wird. Niemand darf uns besuchen. Die Securities achten darauf, dass niemand mehr kommen soll. Aber die Ehrenamtlichen sind doch unsere Freunde. Wieso dürfen wir keinen Kontakt zu ihnen haben? Sie versuchen uns zu helfen.

Die Ehrenamtlichen wollen an die Öffentlichkeit gehen. Ich bin dazu bereit Interviews zu geben. Ich habe keine Angst ausgewiesen zu werden. Das werde ich sowieso. Momentan habe ich hier genauso wenig wie in Afghanistan. Keine Schule, kein Betreuer, kein Essen…Ich habe den Weg hierher einmal überlebt. Da werde ich den Weg zurück auch noch schaffen.

Kapitel 101: 

Die letzten Tage und Wochen habe ich kaum geschlafen und gegessen. Es geht mir nicht gut. Es geht mir so schlecht, dass ich plötzlich umkippe und ohnmächtig werde. Meine Freunde finden mich nur zufällig. Sie versuchen mich zu wecken und rufen meinen Namen, aber ich reagiere nicht. Der Notarzt kommt und stellt einen Atemstillstand fest. Meine Freunde berichten mir hinterher ich sei schon tot und musste wiederbelebt werden.
Als ich aufwache blicke ich um mich und sehe meine Freunde und den Notarzt. Der Betreuer bleibt nur noch eine halbe Stunde. Danach geht er einfach, ohne sich nach mir zu erkundigen.

Ich habe Angst. Ich weiß nicht, wieso das passiert ist.

Am nächsten Tag bringt mich ein Betreuer zum Kinderarzt. Ich bin doch fast erwachsen. Was soll ich denn in diesem Kindergarten? Der Arzt hat mich gewogen. Es stellt sich heraus, dass ich in den letzten sechs Wochen in Groß-Umstadt 15kg abgenommen habe. Ich habe Angst. Bin ich krank? Was fehlt mir? Beim Arztbesuch war kein Übersetzer dabei. Ich verstehe nichts. Der Arzt schimpft mit dem Betreuer. Das einzige Wort, das ich verstehe ich „Jugendamt“. Ich weiß nicht, worum es geht. Ich mache mir nur Sorgen. Was ist mit mir?

Kapitel 110: 

Heute gab es wieder einen Tumult. Die Securities konnten und kaum zurückhalten. Teilweise waren sie sogar auf unserer Seite. Sie haben uns schimmliges Brot gebracht. Heute haben wir erfahren, dass wir für die Menschen hier weniger wert sind als Tiere. Wir bekommen nur abgelaufenes und schlechtes Essen. Heute war ein trauriger Höhepunkt. Mir wird schlecht, wenn ich das sehe. Einige haben so großen Hunger, dass sie trotzdem das Brot essen. Ich hungere lieber weiter.
Als unsere ehrenamtlichen Helfer aus Frankfurt sich beschwert hatten, hieß es nur, wir hätten das Brot auf unseren Zimmern versteckt und es dort vergammeln lassen. Wieso sollten wir so etwas tun?

Das verschimmelte Brot

Das verschimmelte Brot

 

Kapitel 128: 

Es ist sehr ungewohnt. In der Schule hier sind Mädchen und Jungs gemischt. Im Iran und in Afghanistan sind die Schulen getrennt. Die Mädchen schauen uns manchmal hinterher. Es ist befremdlich. Ich fühle mich unwohl. Ohnehin habe ich eine Abneigung gegen Mädchen. Sie nutzen einen sowieso nur aus.
Die Ehrenamtlichen sagen, wir sollen uns mit den Einheimischen hier anfreunden. Die Jungs akzeptieren uns nicht und die Mädchen behandeln uns wie Haustiere und Experimente. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Wieso verstehen sie das nicht?

 

Kapitel 138: 

Ich vergesse alles um mich herum. Meine Mutter hat einen Herzinfarkt. Ich spiele mit dem Gedanken mich freiwillig abschieben zu lassen, nur damit ich so schnell wie möglich nach Hause komme.
Ich telefoniere nur mit meiner kleinen Schwester. Mein Vater hat selbst zu viel um die Ohren. Er ist überfordert. Er weiß nicht, wie er meine Schwestern um die Runden bringen soll. Noch dazu geht es meiner Mutter so schlecht.
Sie wird ins Krankenhaus gebracht, doch dort behandelt man sie nur halbherzig. Und man behandelt sie nur so lange, wie mein Vater die letzten Groschen aufbringen kann. Er möchte mir kein schlechtes Gewissen machen oder mich beunruhigen. Ich erfahre alles von meiner kleinen Schwester. Sie weint am Telefon und sagt nur „Bruder, wir brauchen dich. Bruder, hilf uns, bitte.“

 

Kapitel 139: 

Ich habe Glück, denn ich habe Freunde.
Unsere Familie wollte uns nicht helfen. Sie sagen, sie hätten selbst nicht genug. Sie verstecken sich und gehen nicht ans Telefon.
Ich habe noch nie in meinem Leben so tolle Menschen gefunden wie in Deutschland. Sie haben mir geholfen. Sie haben sich für mich eingesetzt. Sie haben Geld gesammelt und es mir ohne ein Augenzwinkern gegeben. Ich und meine Familie werden ihnen auf ewig dankbar sein. Ich weiß nicht, wie ich meine Dankbarkeit ausdrücken kann. Ich habe nichts, was ich ihnen als Gegenleistung anbieten könnte. Das Einzige, was ich für sie tun kann, ist Beten. Und das werde ich. Ich werde sie alle täglich in meine Gebete einschließen und Gott dafür danken, dass es so wunderbare Menschen gibt.
Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Deutschen, Iranern oder Afghanen. Es gibt gute und schlechte Menschen, egal welcher Herkunft oder Kultur. Aber ich bin froh in Deutschland zu sein und solche Freunde zu haben.
In Iran reden die Menschen sehr viel. In dem Moment, wo man sie braucht, kennen sie einen nicht mehr. Ich hätte nicht gedacht, dass es ein Land und eine Kultur gibt, wo die Menschen ihr Wort halten, wenn sie sagen „Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid.“
Und ich weiß bis heute nicht, weshalb sie mir und meiner Familie geholfen haben. Scheinbar einfach nur, weil wir Freunde sind. 

Kapitel 152: 

Ich ernähre mich nun schon seit Wochen nur von Butter und Marmelade, weil ich jeden Cent nach Iran geschickt habe. Ich habe mir von den Betreuern einen Vorschuss geben lassen und Geld von Freunden geliehen. Ich habe meine Schulden immer noch nicht zurückgezahlt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, aber sie fragen auch nicht nach. Sie sehen, wie schlecht es mir geht und haben Mitleid.

Um das Geld nach Iran zu schicken, muss ich nach Frankfurt. Ich fahre schwarz, weil ich keine andere Möglichkeit sehe. Ich renne vor den Kontrolleuren weg. Es ist mir sehr unangenehm und peinlich, aber was bleibt mir übrig?

 

Kapitel 159: 

Wir sind endlich in Roßdorf angekommen. Es ist ein ehemaliges Hotel. Angeblich sollen wir hier bleiben, bis wir 21Jahre alt werden. Ich teile mir mit Q. ein Zimmer. Er ist ordentlich und sauber. Unser Zimmer hat sogar einen Balkon.
Die Clique muss sich ein Vierer-Zimmer teilen. Es ist sehr klein. Zum Glück nehmen sie es mir nicht mehr übel, dass ich mit Q. ins Zimmer wollte.

In Roßdorf gibt es kein Essengeld mehr. Es hat Vor- und Nachteile. Wenigstens kann ich jetzt wieder etwas essen. Aber dafür entfällt das Geld, was ich meiner Familie schicken könnte. Außerdem entfallen die Butter- und Marmeladenbrote. Die lagen in Groß-Umstadt immer bereit.
Das Abendessen ist gut. Es gibt Hähnchen.
Es sind auch andere Kinder dort, die schon vor uns dort eingezogen sind. Sie sagen, das gute Essen sei eine Ausnahme.

 

Kapitel 168: 

Ich habe mich mehrfach selbst verletzt. Ich wollte nicht, dass es jemand erfährt. Ich habe keine Lust mich zu rechtfertigen. Irgendwie haben die Betreuer doch davon erfahren. Sie wollen mich in Therapie schicken, aber bis heute habe ich keinen Arzt gesehen.
Ich konnte nicht anders. Ich kann mir nicht verzeihen, dass ich meinen Vater enttäuschen musste.

Die Zweifel werden immer größer. Früher hatte ich mich getraut mit jedem deutsch zu sprechen. Nun habe ich immer mehr Selbstzweifel. Ich stottere vor mich hin. Ich vergesse die Vokabeln. Ich traue mich nicht mehr deutsch zu sprechen. Mein Selbstbewusstsein ist im Keller.

Auch die Betreuer merken es. Jeder einzelne von ihnen nimmt mich zur Seite und fragt was mit mir los sei. Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin in ein Loch gefallen und kann mich nicht mehr befreien.
Ich sehe niemanden, der mir helfen kann. Beim Arzt war ich immer noch nicht. Sie verschieben ständig die Termine. Ich weiß nicht, was es soll. Ich habe keine Hoffnung mehr.

Kapitel 178: 

Sie haben uns die letzten Wochen nur schlechtes und ungenießbares Essen aufgetischt. Schließlich haben wir uns so laut beschwert, dass wir angehört wurden. Die Konsequenz daraus war, dass der afghanische Koch gefeuert wurde. Das war natürlich nicht unsere Absicht.

Als wir gestern Abend eine Runde drehten, wollten einige Freunde noch bei Rewe einkaufen. Wir warteten vor der Tür. Zufällig kam der besagte Koch an uns vorbei. Wir grüßten ihn, doch er fing an uns zu beschimpfen. Er hatte noch zwei Freunde dabei. Ohne dass ich wusste wie mir geschah schlug er zu. Mein Arm war vorher vom Sport noch verstaucht und verbunden. Das nutzten sie aus und schlugen extra hart zu. L. wollte dazwischen gehen, doch dann nahmen sie ihn in die Mangel. Sie nahmen einen spitzen Gegenstand zur Hilfe. Ich vermute es war ein Schlüssel. Meine mit Mühe organisierte Kleidung ist dahin.
Schließlich kamen die Freude aus dem Rewe raus und die Angreifer flüchteten.

In dem Artikel* liest es sich, als seien wir die Schuldigen, dabei hatten wir nur versucht uns zu verteidigen.

Verletzt.

Verletzt

*http://www.echo-online.de/lokales/darmstadt-dieburg/rossdorf/streit-eskaliert-in-rossdorf_16823687.htm

 

Kapitel 182: 

Ich soll nicht mehr schreiben, sagen meine Betreuer. Sie sagen, es würde sich negativ für mich auswirken. Ich weiß nicht was ich tun soll.

Ich bin nun polizeibekannt. Die Unterkunft hat zugestimmt, dass ich bleiben darf, doch das Jugendamt will mich verlegen. Sie sagen, ich sei ein Psychopath, ein Risiko. Aber das bin ich nicht. Ich bin nur ein missverstandener Junge. Sie wollen mich zu psychisch Kranken nach Gießen verlegen, dort wo alle jugendlichen, psychisch labilen Flüchtlinge untergebracht sind. Ich möchte nicht dort hin. Ich habe meine Freunde hier. Wieso verstehen sie nicht, dass meine Freunde mir den Halt geben, den ich brauche. Sie sind meine Familie. Ohne sie gehe ich ein. Das weiß ich.
Meine Betreuer versuchen mich hier zu behalten, aber niemand kann garantieren. Ich werde die nächsten Wochen in Ungewissheit leben müssen. Es ist schwer. Ich habe so viele Probleme und sie quälen mich weiter. Wieso darf ich nicht hier bleiben?
N. hat ein Video von der Schlägerei. Es ist zu erkennen, dass auf uns eingeschlagen wird und ich mich nicht wehren kann. Und trotzdem hat der Koch seinen Job wieder bekommen und ich bin der Sündenbock. Wir waren zu dritt, aber alle Schuld wird auf meine Schultern geladen. Ich möchte auch nicht, dass meine Freunde mit reingezogen werden. Ich möchte, dass man mich anhört und mir glaubt. Warum darf der Koch, der volljährig ist und auf uns eingeschlagen hat seinen Job wieder bekommen? Ich verstehe dieses Deutschland nicht.
Ich habe Angst das Essen zu essen, denn er kann es vergiften, wenn er möchte. Ich esse kaum noch etwas. Ich habe auch kein Geld mir selbst etwas zu kaufen. Ich hungere und bekomme Rest von Freunden oder Helfern.
Ich habe wieder angefangen zu rauchen. Ich möchte es nicht. Ich kann mir ja nicht mal Zigaretten leisten. Ich erschnorre sie mir wie ein Bettler bei den Betreuern und Freunden. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Es ist noch gut, dass ich nur Zigaretten rauche. Einige andere in der Unterkunft rauchen ganz andere Sachen. Ich finde es nicht gut. Ich glaube, die Betreuer wissen es, aber sie unternehmen nichts.
Nein. Ich bin der Sündenbock, auf den alles geladen wird. Mich muss man loswerden. Ich verstehe nicht weshalb.

Ich habe gelernt, dass in Deutschland keine Meinungsfreiheit herrscht. Denn ich bin der einzige, der sich zu Wort meldet – und ich werde eliminiert.

Ich habe so viel in meinem Kopf. Meinem Vater geht es nicht gut. Er braucht Geld. Ich werde ihm mein nächstes Taschengeld schicken. Meine Mutter ist immer noch krank. Ich kann nicht essen. Mein Arm ist nicht richtig verheilt, weil mich niemand zum Arzt begleitet. Ich möchte in der Schule fleißig sein…
…so viel ist in meinem Kopf und eigentlich bin ich doch geflohen, um endlich meine Ruhe zu haben.

 

Kapitel 190: 

Sie lassen mich nicht mehr schreiben.
– weil Meinungsfreiheit in Deutschland nicht erlaubt ist.
– weil ich immer wieder reinfalle und denke, ich könnte meine Gefühle äußern.
– weil ich eine Plattform suche, um meine Gedanken zu teilen.

Aber sie wissen nun, wer ich bin und quälen mich umso mehr.

Sie verfolgen jeden Beitrag. Wenn ich schreibe, dass ich Geld brauche, um meine Schwester zu besuchen, interessiert es niemanden, obwohl mir angeblich ein Besuch im Monat auf ihren Kosten gestattet ist. Aber ich habe bis jetzt keinen Cent gesehen und fahre trotzdem schwarz. Wenn ich erwischt werde, ist es mein Problem. Niemand fragt danach, wie es ist, wenn die Schwester nur wenige Kilometer entfernt wohnt, aber man sie nur einmal im Monat sehen darf. Niemand fragt danach, was ich fühle, wenn ich abwägen muss, ob mir meine depressive Schwester wichtiger ist oder ob ich das Risiko eingehe für sie erwischt zu werden.
Bei anderen Themen, mit denen ich nichts am Hut habe, rufen sie sofort die Polizei. Was habe ich getan? Was ist meine Sünde gewesen? Meine Sünde war zu kritisieren, dass ich etwas weiß, wovon sie nichts wissen. Sie wollen mich loswerden. Ich weiß es. Ich bin ein Problem-Kind. Weshalb? Weil ich den Mund aufmache. Weil ich sage, wie es ist und nicht ständig die Augen verschließe. Aber das ist ihnen ein Dorn im Auge.
Sie erzählen etwas von Regeln und Gesetzen, aber sie halten sie selbst nicht ein. Sie schauen zu, wie wir in unseren Depressionen eingehen. Sie können nicht zugeben, dass sie es sind, die überfordert sind, deshalb suchen sie bei uns den Fehler – bei mir.

 

Kapitel 196: 

Ich werde nach Weiterstadt gehen. Ich befolge A.s Rat. Er sagt, ich solle erstmal untertauchen und nicht so viel Aufsehen erregen. Er sagt, neue Freunde werde ich überall finden und die alten könnte ich ja jederzeit besuchen.

Ich möchte einen Neuanfang. Ich ertrage diesen psychischen Stress einfach nicht mehr. Ich bin nach Deutschland gekommen, um endlich in Ruhe leben zu können. Aber von allen Seiten wird Druck auf mich ausgeübt. Meine Eltern brauchen Geld und zählen auf mich, dabei habe ich selbst nicht mal genug Geld mir Kleidung zu kaufen. Meine Schwester braucht jemand, der sie hier in Deutschland leitet, dabei merkt sie gar nicht, dass ich selbst keine Ahnung habe, wohin es geht. Meine Freunde wollen, dass ich bei ihnen bleibe und kein Verräter bin. Meine Betreuer möchten, dass endlich Ruhe gebe und vor Allem aufhöre diese Zeilen zu schreiben. Aber wenn mich niemand anhört, dann bin ich tot. Wenn ich mich niemandem mitteilen kann, dann bin ich tot.

Niemand fragt, was ich möchte. Ich möchte einfach nur meine Ruhe. Ich möchte keinen Streit, kein Leid. Ich möchte einfach nur in die Schule gehen und lernen. Ich möchte jemanden, der mich beim Lernen unterstützt und mich fördert. Ich möchte so viel lernen, dass ich danach ein Praktikum oder eine Ausbildung machen kann. Ich wollte in die IT-Branche. Aber am allerliebsten würde ich Musiker werden.
Aber das alles sind Träume und Wunschdenken. Doch wenn ich diese Träume nicht hätte, dann hätte ich gar keinen Grund mehr zu leben.